Was mache ich eigentlich in Indien bzw. warum finanziert das Auswärtige Amt ein Projekt in Indien, um den Friedensprozess in Afghanistan voranzutreiben?
Der Afghanistan “Einsatz“ kann heute - neun Jahre nachdem amerikanische Truppen im Oktober 2001 in Afghanistan einmarschiert sind - als gescheitert bezeichnet werden. Auch wenn das damalige Taliban Regime erfolgreich entmachtet wurde, ist es den Besatzermächten unter der Führung der Vereinigten Staaten nicht gelungen, einen stabilen Staat in Afghanistan aufzubauen. Die Dringlichkeit und Aktualität des Problems wurde deutlich, als Präsident Obama 2009 die Lösung des Afghanistan Konflikts zur Chefsache der amerikanischen Aussenpolitik machte. In Deutschland ist der Einsatz deutscher Soldaten weiterhin ein umstrittenes und heissdiskutiertes Thema. Viele Menschen sehnen einem Abzug der Truppen lieber heute als morgen herbei. Trotzdem ist die Bundesrepublik heute mit über 4.000 Soldaten immer noch der drittgrößte Truppensteller (nach den Vereinigten Staaten und Grossbritanien) der ISAF-Staaten in Afghanistan. Dadurch wird klar: auch Deutschland ist daran interessiert das Afghanistan-Problem so schnell wie möglich zu lösen. Da Strategien zur Lösung des Problems bisher ihre Ziele nicht erreicht haben, ist es Zeit über eine neue Afghanistan-Politik nachzudenken. Aus diesem Grund ist in den letzten Jahren eine Abkehr von der ursprünglichen Afghanistan Politik zu erkennen. Während man anfänglich versucht hatte, das Problem ohne die Einbeziehung regionaler Mächte (im Besonderen Indien und Pakistan) zu lösen, hat Deutschland seine Afghanistan-Strategie in den letzten Jahren grundlegend neuausgerichtet. Die USA und auch Deutschland haben heute eingesehen, dass eine Lösung des Konflikts nicht ohne die Berücksichtigung der direkten Nachbarstaaten Afghanistans zu realisieren ist.
An dieser Stelle wird die grosse Bedeutung Indiens offensichtlich. Indien ist nicht nur der grösste Staat in Afghanistans unmittelbaren Umfeld, sondern auch der mächtigste. Die politischen Beziehungen zwischen den beiden Staaten waren und sind überwiegend positiv. Weiterhin besteht eine grosse kulturelle Affinität zwischen den beiden Ländern. Bollywood ist extrem populär in Afghanistan. Afghanische Musik und Essen sind sehr beliebt in Indien. Man schätzt und respektiert Indien in Afghanistan und trotzdem hat Indien bisher kaum eine Rolle in Afghanistan gespielt. Das liegt zum einen an Indien selbst, ist aber auch zu einem Grossteil den ISAF-Staaten anzurechnen, die eine Beteiligung Indiens bislang als unwichtig oder sogar unerwünscht angesehen haben. Diesen Fehler will die deutsche Aussenpolitik nun ausbessern. Unter Berücksichtigung der Regionalmächte Indien und Pakistan wendet sich die Bundesrepublik vermehrt einer multilateralen Afghanistan Politik zu, die in erster Linie zwei Ziele verfolgt.
Erstens möchte das Auswärtige Amt Indiens know-how über Afghanistan nutzen, um das Problem in Afghanistan besser zu verstehen. Aus diesem Grund finanziert es ein Projekt in Indien, dass von indischen Akademikern, Politikern und Militär geleitet wird, die ein grosses Verständnis über diese Region haben. Und zweitens will Deutschland Indien mehr in Konfliktlösungen in Afghanistan involvieren. Indien könnte – wenn stärker in der Region präsent – eine positive Rolle spielen und dabei helfen Afghanistan zu stabilisieren. In beiden Punkten spielt die Delhi Policy Group eine entscheidende Rolle. Sie hat erstens das notwendige know-how über Afghanistan und zweitens die Möglichkeiten Einfluss auf politische Prozesse in Afghanistan auszuüben. Zusammengefasst gesagt versucht Deutschland durch die Finanzierung von Projekten (in diesem Fall Delhi Policy Group) in Indien einen positive Einfluss auf Konfliktlösungen in Afghanistan zu nehmen.
Endlich mal eine kurze und unabhängige Meinung zu dem Komplex. Mich würde eine weitergehende Analyse bis hin zu Lösungsvorschlägen über die bisher bekannten interessieren.